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Bibliotheken mit neuer Rolle PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Jochen Empen   
Donnerstag, den 13. Mai 2010 um 16:26 Uhr

Gruppenfoto des Bibliotheken-Projektes

Bibliotheken sind heute mehr als Bücherregale und Lesesäle. Dies bewiesen die etwa 30 Teilnehmer des trinationalen Seminars für Mitarbeiter von Büchereien aus dem ländlichen Raum in Rodowo, Polen. Sie präsentierten eine Vielfalt von „außerplanmäßigen“ Aktivitäten ihrer Arbeitsstätten, die man am besten als lokale Kultur- oder Gemeindearbeit bezeichnen kann. Damit wurde das erste Ziel des gemeinsam von der Fundacja Rodowo (Polen), der NGO Modem (Belarus) und der Christlichen Bildungsinitiative e.V. organisierten Seminars, nämlich einen internationalen Erfahrungsaustausch zu Möglichkeiten „moderner“ Bibliotheksarbeit in ländlichen Regionen anzustoßen, mehr als erreicht. Darüber hinaus wurden in der Woche vom 27. April bis 3. Mai verschiedene Bibliotheken aus der Umgebung des Tagungsortes Camp Rodowo (Masuren) besichtigt und Workshops zu Projektmanagement durchgeführt.

 

 

Die Teilnehmergruppe setzte sich zu etwa zwei Drittel aus Belarussen und zu jeweils einem Sechstel aus Deutschen und Polen zusammen. Allen Teilnehmern war der ländliche Standort ihres Arbeitsplatzes gemeinsam, nicht selten arbeiten sie in Dorfbüchereien mit 1-2 Teilnehmende im GesprächBeschäftigten. So zeigte sich, dass sie häufig mit den selben Herausforderungen und Problemen (Alterung der Bevölkerung, Abnehmen der Leserzahlen) zu kämpfen haben, die Voraussetzungen jedoch komplett verschieden sind. Die belarussischen Bibliothekarinnen staunten als Karin Lehmann aus Erdmannhausen (bei Stuttgart) Bilder ihrer kleinen Bücherei zeigte. Die Ausstattung an neuen Medien und Computern, wie auch die elektronische Bearbeitung der Ausleihen sind in den ländlichen Gebieten der beiden Partnerländer längst keine Alltäglichkeit. Unterschiede wurden auch bei den Strukturen des Bibliothekswesens deutlich: Ein eher zentralistisches System, mit starkem Einfluss des nationalen Kulturministeriums in B elarus gegenüber Selbstverwaltung der Gemeinden in Deutschland. Dennoch sollte man sich vor vorschnellen Besser-Schlechter-Urteilen hüten. Zu Recht präsentierten Teilnehmer aller drei Länder mit Stolz ihre Arbeit und Arbeitsplätze.

 

Es ist heute – gerade in Deutschland, wo kein Gesetz den Gemeinden die Unterhaltung einer Bücherei vorschreibt – für die Bibliotheken wichtig, sich durch Extra-Aktivitäten auszuzeichnen, Beim Vortragdie das soziale und kulturelle Leben der lokalen Gemeinschaft bereichern. Solche Aktivitäten entstehen jedoch aus ganz vielfältigen Gründen, wie etwa dem persönlichen Interesse der Bibliothekare, bzw. der Lust, etwas zu „bewegen“ und gestalten. Wie man dies - von der Entwicklung einer Idee bis zur Realisierung des Projekts - umsetzen kann, zeigte Susanne Brandt aus Westoverledingen (Ostfriesland) in dem Projektmanagementworkshop. Zahlreiche Beispiele wurden den Teilnehmern zudem vor Ort in den Bibliotheken von Olsztyn und Mragowo, sowie dem Gemeindezentrum von Jonkowo geschildert.

Trotz des vollen Programms integrierte sich die Gruppe gut und nutzte die Abende zum gemeinsamen Zusammensitzen am Kamin oder Lagerfeuer mit nationalem Kulturgut, Speisen und Getränken, die die Teilnehmer aus ihrer Heimat mitgebracht hatten. Die Verständigung klappte zunehmend besser, insbesondere, wenn abends die Fachthemen mal bei Seite gelegt wurden und Privates in den Vordergrund rückte. Doch auch während der Präsentationen, Workshops und Bibliotheksbesichtigungen sorgten die Koordinatoren der Partnerorganisationen und die Mitarbeiter des Camp Rodowo dafür, dass sich inhaltliche Diskussionen auf drei Ein weiterer VortragSprachen, Deutsch, Polnisch und Russisch, entwickeln konnten. Auch wenn die Übersetzungen viel Zeit „verschlangen“, hat sich das Konzept eines trinationalen Projektes für die Veranstalter als Erfolg erwiesen. Ebenso äußerten sich die Teilnehmer begeistert über diese internationale Erfahrung und die neuen Bekanntschaften. So dürfen die deutschen Teilnehmer es wohl als Kompliment verstehen, dass ihnen eine belarussische Kollegin mit auf dem Weg gab, es sei „äußerst schade, dass sie kein Russisch sprächen“. Wobei natürlich die Russischkenntnisse von Gabriele Kontek (Zittau), welche sich, ebenso wie die Deutschkenntnisse einiger Belarussinnen, im Verlauf der Woche noch einmal deutlich gesteigert haben, durchaus gewürdigt wurden.

 

Auch der vierte deutsche Teilnehmer, Klaus-Jürgen Sommerschuh aus Rendsburg, konnte mit etwas Speziellem beeindrucken. Nicht nur, dass er der einzige männliche Teilnehmer der Seminargruppe war (Koordinatoren nicht mitgerechnet), auch sein mitgebrachter Film über das Fahrbüchereisystem in Schleswig-Holstein kam vor allem bei den belarussischen Bibliothekarinnen gut an. Überrascht waren sie über die Spezialanfertigung des Busses mit deutlich mehr Platz für Bücher und sogar Internetzugang. Fahrbibliotheken in Belarus, das sind zumindest bisher ganz gewöhnliche Busse, die zu Büchereien umfunktioniert werden, wo die Bücherkisten auf den Sitzreihen liegen.

 

Die letzten anderthalb Tage des Seminars standen im Zeichen der Mikro-Projekte. Das trinationale Treffen in Rodowo war nämlich nur der Auftakt zu dem von der Robert-Bosch-Stiftung und der Stefan Batory Stiftung finanzierten Projekt „Small Libraries in Rural Areas – In der BibliothekLocal Activity Centres“. Der nächste Schritt wird die Durchführung der in Rodowo von den Teilnehmern ausgearbeiteten Mikro-Projekte in den Bibliotheken vor Ort sein. Insgesamt sieben Projektideen belarussischer Bibliotheken und drei Projekte polnischer Büchereien erhielten dafür eine Förderung von 75 bis 150 Euro aus dem Projektbudget. Die Auswahl fiel den Koordinatoren nicht leicht, dennoch freuen sie sich auf die Ergebnisse und Erfahrungen der Projekte, die im Oktober erneut in Rodowo präsentiert werden sollen, dann leider ohne deutsche Teilnehmer. Ein Frauenclub, eine Berufsberatung, das Erlernen von Techniken regionaler Handarbeiten oder die kreative Auseinandersetzung mit lokalen Autoren und ihren Werken, dies und einiges mehr werden die Teilnehmer des Seminars in Zukunft in ihren Bibliotheken anbieten. Auf diese Weise, so hoffen die Koordinatoren, werden kleine aber wirksame Impulse zur Stimulierung des sozialen und kulturellen Lebens in ländlichen Regionen geschaffen.

 

Jochen Empen

Bremen, 13.5.2010

Weiterlesen: Weiterer Bericht zu diesem Projekt von Susanne Brandt



Link: Artikel in der Marbacher Zeitung: Projekt "Bibliotheken im ländlichen Raum

Link: Projekt-Standorte bei Google Maps