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Bibliothekare als Projektmanager PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Jochen Empen   
Dienstag, den 19. Oktober 2010 um 22:15 Uhr

2010_04_27_Rodowo_24Auch scheinbar kleine Aktionen haben manchmal große Wirkung. Jeweils 150 Euro hatten sieben belarussische und drei polnische Bibliotheken im Rahmen des trinationalen Projekts „Small Libraries in Rural Areas – Local Activity Centres“ mit Beteiligung der Christliche Bildungsinitiative bekommen, um damit sogenannte Mikro-Projekte durchzuführen. Anfang Oktober wurden die Ergebnisse in Rodowo, Masuren, präsentiert. Von einer Ausnahme abgesehen, wurden alle Projekte, die sich im Mai für die Förderung beworben hatten und von den Projektkoordinatoren ausgewählt wurden (siehe Bericht vom 13.5.2010), auch realisiert. Mit großer Motivation machten sich die Bibliothekare nach dem ersten Seminar an die Umsetzung ihrer eigenen Projektideen. Die Ergebnisse sind umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass den meisten belarussischen Teilnehmern die Bedeutung des Wortes „Projekt“ bis zum einführenden Seminar komplett fremd war. „Wir haben gelernt, was ein Projekt ist und es durchgeführt“, berichteten sie nicht ohne2010_04_27_Rodowo_06 Stolz. In umfangreichen Powerpointpräsentationen wurde den Projektkoordinatoren der drei Partnerorganisationen Fundacja Rodowo (Polen), NGO Modem (Belarus) und CBI dargelegt, wie die Bibliotheken ihre Ideen in die Tat umsetzten. (...)

 

Betrachtet und reflektiert wurde dabei der gesamte Prozess von der organisatorischen Vorbereitung bis zum Ablauf der Veranstaltungen, Workshops oder Exkursionen. Das Ganze umfangreich dokumentiert mit Fotos, so dass einige Laptops an ihre Grenzen stießen – am Ende funktionierte die Technik glücklicherweise aber doch. Die Teilnehmer bemühten sich, den „Mehrwert“ ihrer Aktivitäten für ihr regionales Umfeld in Worte zu fassen. Denn genau darum ging es in dem Projekt „Small Libraries in Rural Areas – Local Activity Centres“: Die Mitarbeiter der kleinen Büchereien im ländlichen Raum sollten ein neues Verständnis ihrer Arbeit erlernen und ihre Arbeitsstellen zu „Zellen des kulturellen und sozialen Lebens“ in ihrer Gemeinde machen. Die verschiedenen Bibliotheken erreichten dieses Ziel auf unterschiedliche Art und Weise.

2010_04_27_Rodowo_23Die Bibliothek in Volkovysk (Belarus) organisierte etwa eine Berufsberatung für Schüler. Vertreter bestimmter, in der lokalen Wirtschaft vorhandener Berufsgruppen kamen in die Bibliothek und erzählten über ihre Tätigkeit. Außerdem besuchten die Projektleiterinnen mit interessierten Kindern Produktionsstätten, also potenzielle Arbeitsstellen, in der Region. Die Resonanz war groß – ein entsprechendes Angebot gab es dort bisher nicht - das Projekt soll im nächsten Jahr fortgeführt werden. Die Teilnehmer der Bibliothek von Ivie (Belarus) veranstalteten mehrere Ausflüge zu sagenumwobenen Orten in der Umgebung. In der Natur wurden den Zuhörern Sagen mit regionalem Bezug und Lyrik lokaler Dichter vorgetragen. Die gesammelten Werke wurden als kleines Buch herausgegeben. Die Bücherei in Reszel (Polen) wollte mit ihrem Mikro-Projekt die Fähigkeiten traditioneller Handarbeit am Leben erhalten. Sie organisierte eine Workshopreihe in der Kinder verschiedene Techniken von den Meistern persönlich erlernten. Die Projektleiterin erklärte: „Dies ist vielleicht die letzte Chance, das Wissen über diese Kunst weiterzugeben. Die Künstler sind schon sehr alt und es gibt kaum noch Leute, die sie beherrschen“. Ob es die Bewahrung regionaler Traditionen, das Kennenlernen lokaler Autoren (Bibliothek Zyndaki, Polen) oder gar die Stärkung der Frauen mit der Gründung eines eigenen Clubs (Pavlovka, Belarus) war, die teilnehmenden Bibliotheken verfolgten konkrete Ziele und zeigten sich zufrieden mit dem Erreichten. Die belarussischen Projektleiter hatten zu dem Seminar in Rodowo Personen mitgebracht, die bei der Umsetzung mitgeholfen hatten – zum Beispiel ein Mitglied des Frauenclubs aus Pavlovka oder eine Dichterin aus Ivie – und der Gruppe von ihren Erfahrungen berichteten. In Gruppenarbeit wurde schließlich reflektiert, welche Probleme bei der Realisierung der Projekte auftraten und wie man diese in der Zukunft weiterführen bzw. ausbauen könnte. Passend dazu gab Koordinator Adam Halemba Hinweise zu finanziellen Fördermöglichkeiten für polnische und belarussische Bibliotheken.

2010_04_27_Rodowo_19Bestandteil des viertägigen Seminars waren auch dieses Mal Exkursionen zu den Bibliotheken in Olsztyn, Reszel, Zyndaki und Sorkwity. Als besonderen Gast begrüßten die 25 Teilnehmer eine Mitarbeiterin der Robert-Bosch-Stiftung (zusammen mit der Stefan Batory Stiftung die Geldgeber des Projekts), die das Projekt evaluierte und daher vor allem an den Präsentationen der Mikro-Projektleiter interessiert war. Am Ende zeigte sie sich sehr zufrieden mit dem Verlauf und ermutigte die Teilnehmer, die Projektarbeit vor Ort fortzusetzen. Die Projektkoordinatoren unterstrichen noch einmal wie wichtig es für die Bibliotheken ist, sich nach außen zu öffnen und lokale Partner zu suchen. Wie eine polnische Teilnehmerin treffend formulierte, Bibliotheken müssen die Bedürfnisse der Gesellschaft erkennen und auf diese eingehen. Mit dieser Herangehensweise können auch wirkliche Mikro-Projekte etwas bewegen. Mit kleinen, begrenzten Aktionen können Veränderungen angestoßen werden. Dies ist sicherlich eine wichtige Erkenntnis aus dem Gesamtprojekt. Die drei Partnerorganisationen freuen sich, dass sie diesbezüglich einen Impuls geben konnten, doch jetzt liegt es an den beteiligten Bibliotheken selber, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Das zweite gemeinsame Treffen in Rodowo war gleichzeitig das letzte des trinationalen Projekts. Es besteht jedoch berechtigte Hoffnung, dass seine Auswirkungen noch ein bisschen anhalten.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 20. Oktober 2010 um 10:24 Uhr